Sei ein Mensch!
Ein Plädoyer zum Tag der Pflege am 12. Mai

Über die Kostbarkeit der Pflegeberufe

Am 27. Januar hat Marcel Reif eine bewegende Rede im Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gehalten. Er hat aus dem Leben seines Vaters erzählt, der Nazi Deutschland überlebt hatte.

Zentrale Botschaft dieses Holocaust-Überlebenden an seine Kinder war der Satz: „Sei ein Mensch!“ In der Vokabel „Mensch“ drückt sich im Jiddischen Respekt, Würde und Zustimmung aus. Ein Mensch in diesem Sinne ist eine Person, die sich der Menschlichkeit mit positiver Energie und im wörtlichen Sinne zuwendet.

Und in diesem Sinne hat die Profession Pflege eine tiefe Verbindung mit dem Mensch-sein. Pflege wendet sich zu. Pflege ist zart und stark zugleich, wenn sie Gebrechlichkeit und Krankheit ansieht und annimmt. Sie findet statt in den zerbrechlichen Momenten des Lebens: ganz am Anfang, ganz am Ende, immer bei Krankheit oder wenn wir durch einen Unfall plötzlich hilfebedürftig werden.

Pflege muss furchtlos sein, gegenüber dieser Verletzlichkeit des Menschen und gleichzeitig sanft und fürsorglich diese Verletzlichkeit hüten und beschützen. Sie fragt nicht nach dem Nutzen eines Menschen. Sie schaut einzig und allein auf dessen Mensch-sein und damit auf seine Würde.

Dass wir als beruflich Pflegende eine solche Haltung zu unserem Beruf gemacht haben, ist eine nicht zu unterschätzende Kostbarkeit für unsere Gesellschaft. Wir Pflegenden verkörpern auf vielleicht einzigartige Weise ein Prinzip, was von unschätzbarem Wert ist für unser Zusammenleben als Menschen: Berührbar sein, einfühlsam und mitfühlend – und dabei handlungsfähig bleiben, nicht im Sumpf des Mitleidens versinken, sondern unbeirrbar auch in schweren Lebenssituationen füreinander da zu sein.

Das ist Mensch-Sein. Nicht weg gehen, wenn es schwierig wird. Das Leid anschauen und anerkennen. Und uns gegenseitig unbeirrbar nicht alleine lassen in schwierigen Situationen.

Denn da gibt es etwas, was wir gerne auf Seite schieben: Dass wir als Menschen aufeinander angewiesen sind. Dass wir alle nur lebensfähig sind, wenn wir bereit sind, uns gegenseitig zu unterstützen. Und dass wir alle in Situationen kommen, in denen wir diese Unterstützung brauchen.

Ich wünsche mir für uns alle, dass wir diese Realität in aller Freundlichkeit anerkennen. Denn genau diese Fähigkeit macht uns kollektiv als Menschheit und als einzelne Person stark: Die Fähigkeit dazu, füreinander Sorge zu tragen.

Lasst uns unsere Menschlichkeit leben. Lasst uns füreinander Sorge tragen. Denn unsere Berührbarkeit ist unsere Stärke. Und lasst uns gemeinsam dafür Sorge tragen, dass diese Qualitäten von Pflege die Rahmenbedingungen erhalten, die sie brauchen, um sich zu entfalten.

SEI EIN MENSCH! Ich möchte Marcel Reif für diese Botschaft und Mahnung seines Vaters danken. Nicht nur, aber auch am Tag der Pflege.

Ruth Galler
Pflegefachkraft, Systemische Beraterin, Beraterin für Gesundheitliche Versorgungsplanung in der letzten Lebensphase